Babsi in Sole Incantatore 6c

Klettern auf Sardinien

Schatz, was sollen wir urlaubstechnisch machen?
Eine Frage, die Mann einer Frau nicht unbedingt stellen sollte.
Der Grund: “Frauen wollen von allem immer ein bisschen mehr haben.”
So auch meine Frau Babsi: “Ich will tolles Wetter, schwimmen, klettern, in der Sonne aalen und vor allem eine schöne relaxte Zeit haben!” Super denke ich
mir, denn auch ich brauche dringend etwas Erholung.
Ich allerdings benötige dafür lediglich gut bekletterbaren Fels und an Ruhetagen darf es bitte auch etwas Extremrelaxen sein. “Alles klar”, sagt meine Frau, dann machen wir wieder “zwei und eins”, auf Sardinien.
Soll heißen: “Zwei Tage Klettern und einen Ruhetag.” So wie uns geht es sicher vielen Kletterpärchen, wenn es an die Urlaubsplanung geht. Wir haben uns letztlich für Sardinien entschieden, weil es dort tolle Klettertouren vor traumhafter Kulisse gibt, die neben der sportlichen Herausforderung auch viele Möglichkeiten zum Entspannen bieten.

Hafen von Genuar
Babsi hört den Schiffsmotor vor Müdigkeit nicht und schläft tief

Wir haben uns für die Abendfähre entschieden und fahren am frühen
Nachmittag von Deutschland los. Unsere Fahrtzeit wird rund neun Stunden
betragen. Die Reise führt uns über Mailand nach Genua zum Fährhafen.
Nach einer kurzen Wartezeit am Kai geht Babsi mit Schlafsack, Matten
und Verpflegung bewaffnet an Bord. Ich fahre kurze Zeit später in den
Bauch des “Wales”. Als ich mich durch die Gänge nach oben durchgeschlagen
habe, finde ich Babsi, die bereits einen Schlafplatz an Deck hergerichtet
hat. Am nächsten Morgen legt die Fähre in Olbia an und wir fahren direkt
über die Superstrada nach Cala Gonone auf den Campinglatz. Nachdem
wir mit letzten Anstrengungen unser Zelt aufgebaut haben, rufen wir Tina
und Martin an. Zwei Stunden später treffen wir uns am Strand von Fuili.

Martin Kanzog bei einer typische Kletterei in Isilli

Sie sind schon seit zwei Wochen da und waren zuerst bei Isili und dann bei
Jerzu beim Klettern. Isilli befindet sich im Landesinneren. Dort findet
man athletische und steile Kletterrouten an Löchern und Leisten. Jerzu
hingegen ist ein noch recht neues, aber riesiges Gebiet mit eher technischen
Touren, die sehr zu empfehlen sind.

Campingaz 'Schlauchboot Colossus 2+1
Bucht von Fuili

 

 

 

Auch am Strand von Fuili kann man super klettern, wir sind allerdings
so kaputt von der Anreise, dass wir es vorziehen heute zu faulenzen. Wir
gehen ein wenig schwimmen, schlafen etwas und schmieden Pläne für die
nächsten Tage. Ich probiere auch mein neues Gummiboot aus. Damit will
ich Felsen ansteuern, die man nur vom Meer aus beklettern kann. Ich bin
total stolz auf meine kleine „Jacht“, ernte aber nur Spot und Hohn. Anscheinend
gebe ich eine ziemlich komische Figur ab. Irgendwie kann ich
es verstehen, das Boot fasst gerade mal zwei Leute und die Paddel fallen
viel zu klein aus. Zudem biegen sie sich bei jedem Paddelschlag bedenklich
durch.

Josef Klettern eine 6c im Sektor Thailandia
Martin in der Vogelperspektive
Martin Kanzog klettert Tritoni 7c in der Grotta dei Tritoni

“Cala Gonone”

Da wir keine Lust zum Felssuchen haben, gehen wir am nächsten Tag
nach Fuili. Dieses Gebiet kennen wir bereits aus vorherigen Urlauben. Wir
wollen aber nicht direkt am Meer klettern, sondern gehen in die Schlucht.
Diese ist so eng, dass sich die gegenüberliegenden Wände gegenseitig
Schatten spenden. Es gibt hier wunderschöne bis zu 40 Meter lange Genusstouren,
aber auch schwere Linien, welche im Schatten ebenfalls kletterbar
sind. Nachdem wir dicke Unterarme haben und ich mir in meiner
Gier gleich ordentlich die Hornhaut in einer kleingriffigen 7b+ ramponiert
habe, gehen wir noch an den herrlichen Strand.
Die nächsten Tage besuchen wir ein paar sehr schöne bekannte und neue
Klettergebiete.

 

Besondern zu empfehlen sind:

Arcadia:

Schöne Wandkletterei und viele neue Touren, Fels ist früh im Schatten.

Die Grotte Millennium:

Hier gibt es auch viele neue Wege an steilen Sinterfahnen.

Biddiriscottai:

Ein Klassiker direkt am Meer, die leichten Touren sind leider abgegriffen.

Dorgali:

Kürzere, aber sehr schöne Touren, Schatten bis 13 Uhr.

Cala Luna:

Klettern direkt am Strand, Anreise per Boot oder per Wanderweg vom Strand von Fuili aus.



„Baunei“

Unsere Reise führt uns weiter in die Region Baunei. Wir schlagen unser Basislager auf einem Campingplatz direkt am Meer auf. Im Web haben wir von einem neuen Felsen gelesen, nach einigem Suchen werden wir fündig: „Villaggio Gallico“ heißt er und das Suchen hat sich wahrlich gelohnt. Die Wand ist genial, es gibt dort großzügige Linien an rauem Kalk. Das Beste ist aber, das die Wand ab 14 Uhr im Schatten liegt. Ideal also für uns Langschläfer! Wir klettern dort drei Tage, bis wir die letzte rosige Hautschicht unserer Fingerkuppen erreichen.

Josef Klettern eine 7b+ in Villaggio Gallico
Sehr schöne 7a+ in Villaggio Gallico
Frauenpower
Villaggio Gallico im Überblick
ATC Guide Black Diamond
Die Aguglia in der Bucht Cala Goloritzé
Babsi und Martin im Nachstieg

“Cala Goloritzé”:

 

Da uns das Klettern hier so gefällt, wollen wir keinen
richtigen Ruhetag einlegen. Wir entschließen uns auf die “Aguglia” zu
klettern. Die “Aguglia” ist das Kletterwahrzeichen von Sardinien und ich
würde jedem empfehlen, der zwei gesunde Arme hat und eine 6b klettern
kann, diese Felsnadel zu erklimmen: Es ist ein ganz besonderes Erlebnis.
Die Felsnadel ist rund 140 Meter hoch und liegt an einer der schönsten
Buchten des Mittelmeers. Ich selbst stand schon zweimal auf diesem perfekten
Zapfen, aber immer wieder kehre ich zurück und genieße das Klettern
über dem türkisblauen Wasser und die traumhafte Aussicht.
Es ist Sonntag und wir stehen um 5 Uhr auf, da wir die ersten am Fels sein
wollen. Wir fahren in ca. 30 Minuten auf das Hochplateau, wo man auch
campen könnte. Zur Cala Goloritzé muss man nun eine Stunde absteigen.
Zwar fährt auch ein Boot dorthin, ist aber unsportlich und teuer. Da Tina
einen Ruhetag einlegen möchte, gehen wir zu dritt ans Werk. Wir haben
uns für eine gemütliche, perfekt neu eingebohrte 6b Tour namens “Easy
Gynnopedie” entschieden. Die Tour “Sinfonia dei Mulini a Vento” war bis
vor kurzen die leichteste Linie auf den Gipfel und zugleich der schwierigste
Normalweg Italiens. Da dieser aber nicht komplett eingebohrt ist,
Schwierigkeiten von 6b+ aufweist und teilweise schon etwas abgegriffen
ist, dürfte sich diese neue Kreation zur bevorzugten Linie mausern. Mit
dem neuen ATC-Guide von Black Diamond klappt das Klettern zu dritt
problemlos. Babsi nehmen wir in die Mitte und wir Männer steigen abwechselnd
vor. Die Kletterei ist genial, die Aussicht sowieso unbeschreiblich.
Nachdem wir die Aussicht auf dem spärlichen Gipfel ausgiebig
genossen haben, seilen wir dank unseres sechzig Meter Doppelseils in
Windeseile ab. Da Babsi der Anziehungskraft des türkisblauen Wassers
und des weißen Strandes nicht länger widerstehen kann, klettern wir zu
zweit weiter. Als nächstes klettern wir die Tour „Sole Incantatore“, eine technisch anspruchsvolle 6c, die ebenfalls perfekt abgesichert ist, aber keinen Mehrseillängenbonus aufweist. Ich klettere diese Tour nun schon zum dritten Mal, denn Sie ist einfach ein Traum. Nach gut 280 Klettermetern in den Armen, doch recht viel für einen Ruhetag, gehen wir zu unseren Mädels an den Strand. Wir schwimmen und schnorcheln noch ein wenig, bevor wir den eineinhalbstündigen Rückmarsch antreten.




Gruppenbild auf dem kleinen Gipfel
links Pan di Zucchero und rechts Castello dell´ iride
Hard or Soft
Wünderschöne Aussicht auf Porto Flavia

 

Masua

 

Der Geist ist immer noch willig, aber das Fleisch, insbesondere die Haut an den Fingern, ist schwach. Somit nutzen wir den längst überfälligen Ruhetag zum Umziehen in die Region Masua. Martin bevorzugt eigentlich kurze knackige Touren und am liebsten Boulder, die Goloritzé hat ihn aber so begeistert, dass wir jetzt mit dem Klippenklettern fortfahren wollen.


Die Reise führt uns an die Südwestküste der Insel, diese Region gefällt uns
sehr gut, da sie sehr ursprünglich und touristisch nicht überlaufen ist. Auf dem Weg dorthin fährt man an “Domusnovas” und “Iglesias” vorbei, dort gibt es viele lohnende Kletterspots, die wir aus vorhergegangenen Besuchen in sehr guter Erinnerung haben:

Insgeheim hoffe ich auf den “Pan di Zucchero”, einen Felsmonolith, der 133 Meter senkrecht aus dem Meer ragt und nur mit einem Boot erreichbar ist. “Wohl dem, der eines hat!”

Bei Buggero gibt es einen kleinen Campingplatz. Nachdem wir das Lager aufgeschlagen haben, suchen wir uns eine Kletterei für den nächsten Tag. Ich schlage den  “Pan di Zuccero” vor. Zu meiner großen Enttäuschung hat keiner Lust, mit meinem Gummiboot über die wellige See zu paddeln, um auf den Zucchero zu klettern. Anscheinend bin ich hier der einzige Romantiker. Stattdessen entscheiden wir uns für dieSteilklippe des Porto Flavia, die direkt gegenüber vom Zucchero liegt, etwas höher ist, sich direkt am Meer befindet und bequem per Landweg erreichbar ist.Es gibt dort auch einen Klettergarten, den „Castellodell´ iride”.  Ich steige die erste Seillänge von “Hard or Soft” vor, diese ist auch zugleich die kniffligste. Die restlichen fünf Seillängen sind reiner Genuss an großen Konkretionen (Sinteraufbackungen), die sehr interessant und spektakulär zum Klettern sind. Auch die Touren “Non Spezzarmi Il Cuore”, “Arancia Meccanica” und “Cavallo Bendato” sind absolut empfehlenswert.

Da das Schwimmen bis Dato sehr kurz gekommen ist und wir dringend zwei Ruhetage benötigen, fahren wir an die “Costa Verde”. Zwar gibt es bei Masua auch wunderschöne Strände, aber die Costa Verde ist etwas Besonderes und ein echter Geheimtipp. Auf dem Weg dorthin fährt man durch verlassene Minen, das ganze hat eine Art Goldgräberromantik. Der Strand ist weitläufig und nicht überlaufen. Sehr beeindruckend sind die großen Wandersanddünnen. Kurz vor dem Strand gibt es einen schönen Campingplatz. Nach zwei Tagen fahren wir wieder nach Massua.

Da auch kein anderer Kletterer am Campingplatz Lust hat, mit mir zum Zucchero zu paddeln, gehe ich mit den anderen noch zwei Tage Sportklettern, bevor wir die Heimreise antreten müssen.

Hard or Soft
Costa Verde
Cala Domestica sehr schöne Badebucht bei Masua

Camping bei Baunei
Costa Verde
Coluchionis
Jerzu Weintankstelle

Info: Sardinien


Charakter:

Kletterei in allen Schwierigkeitsgraden an Kalk und Granit, in allen Steilheiten von Platte bis Dach und vom Bouldern bis zu 400 Meter langen Wänden.

Anreise:
Auto und Fähre von Genua, Livorno oder Civitavecchia in ca. neun Stunden
nach Olbia, Porto Torres und Cagliari. Reedereien sind “Moby Lines”, “Sardegna Ferries”, “Tirrenia”, “Grimaldi Lines” und “Linea di Golfi”. Zu empfehlen ist die Nachtfähre von Genua nach Olbia. Mit dem Flugzeug meist über Rom oder Mailand nach Cagliari oder Olbia.

Beste Jahreszeit:

Entweder im Frühjahr, wo alles grünt und blüht, oder im Herbst, wo das Wasser noch schön warm ist. Im Juli und August ist es zum Klettern zu heiß.

Absicherung:

Die meisten Sportkletterrouten sind sehr gut abgesichert,
es gibt aber auch Gebiete ohne Bohrhaken, wo clean climbing
gefordert ist. Die meisten Mehrseillängentouren sind gut gesichert,
man muss sich aber schon über die Haken drübersteigen trauen.
Kindereignung: Es gibt viele Felsen, die auch für Kinder geeignet
sind, wie z.B. Fuili, Biddiriscottai, Cala Luna bei Cala Gonone, die Felsen
bei Isili, einige Felsen bei Jerzu oder Ruota del tempo bei Domusnovas.

Übernachtung:

 

Am günstigsten kann man auf Campingplätzen übernachten.
Im Schnitt kosten diese um die zehn Euro pro Person und
Nacht. Wildes Zelten ist nicht gestattet, Polizeikontrollen garantiert.

Masua: Bei Buggero gibt es einen Campingplatz.

Isili:Wenn man bei Isili klettern will, dann schläft man am besten im Bus direkt unter den
Felsen, zur Not auch im Zelt. Das Hotel im Ort ist nicht so toll.

Jerzu: Bei Jerzu könnte man auch wildzelten, da gibt es geeignete Plätze. An der Küste gibt es aber preiswerte Campingplätze direkt am Meer.

Cala Goloritzé: Oben auf dem Hochplateau gibt es beim Restaurant einen bewachten Campingplatz der perfekt gelegen und preiswert ist.

Cala Gonone: Der normale Campingplatz ist dort sehr teuer, es gib aber auch einen Campingplatz,für Wohnmobile, dieser ist günstiger, und wenn dort nicht viel los ist, darf man da auch zelten.

Tipps für Ruhetage:


Cala Gonone: Die Grotta di Ispinigoli ist mit ihren 10 km Länge eine der größten Tropfsteinhöhlen Italiens.


Costa Verde: Ist ein nicht überlaufener, traumhafter großer Sandstrand mit riesigen Wandersanddünen.
Es gibt dort auch einen Campingplatz. Noch ein echter Geheimtipp!

 

Kulinarisches:


Essen: Coluchionis sind Teigtaschen, die mit Kartoffeln, Pecorino und ein wenig Minze gefüllt sind, dazu gibt es eine Tomatensoße. Sebadas sind ebenfalls Teigtaschen, die mit Ricotta gefüllt sind, diese werden in Olivenöl herausgebacken und mit Honig übergossen. Ein Muss
ist der Pecorinokäse, das Hirtenbrot Carasau und der Honig.


Trinken: Der schwere Rotwein Canonau ist sehr lecker, besonders zu empfehlen ist der Canonau aus Jerzu und Dorgali, auch der Tunila aus Dorgali ist ein jüngerer, sehr leckerer Wein.
Tipp: In Jerzu kann man an einer Art Weintankstelle hochwertigen Wein günstig selber zapfen. Der Liter Superwein kostet ca. drei Euro.

Literatur:

Kletterführer: Pietra di Luna heißt der große Gesamtführer.
Regionalführer: Corrado Conca, Arrampicare a Cala Gonone
Kletterkarte: Maurizio Oviglia; Cala Gonone Sardinien
Wanderführer: Sardinien vom Bruckmann-Verlag.
Reiseführer: Baedeker, Allianz Reiseführer Sardinien
Web: www.pietradiluna.de, www.softrock.de