Eigernordwand – Abenteuer:

 

Bericht 08.09.2004 – 10.09.2004:

 

„Drohend ragt die Eiger-Nordwand über die Täler der Berner Alpen, ein 1800m hohes, fast senkrechtes Amphitheater aus Fels und Eis. Steinschlag, Lawinen, Sturzbäche und mörderische Gewitter machen sie zur gefährlichsten Wand der Alpen, und dadurch zur ständigen Herausforderung an den Mut, die Ausdauer und das Können der besten Bergsteiger Europas.“

So beginnt Heinrich Harrer, einer der vier Erstbesteiger der Eiger-Nordwand sein weltberühmtes Buch „Die Weiße Spinne“. Auch wenn diese heroische Wortwahl heute unangebracht scheint, wird jeder ambitionierte Kletterer von diesen Worten und der Magie der Eigernordwand in den Bann gezogen. Und so erging es auch mir/uns, die wir schon immer von einer erfolgreichen Durchsteigung dieser sagenumwobenen Wand träumten. Nur so aufregend und knapp wie seinerzeit sollte es bei uns nicht werden.

Im nun folgenden Bericht erzähle ich von unserem zweitägigen Abenteuer in einer der großartigsten Steilwände der Welt.

Schon seit Beginn meiner „Kletterkarriere“ hatte ich den Traum diese Wand zu durchsteigen, und als mich Günter anrief, wusste ich sofort Bescheid, wie sein Plan lautete. Bei dieser Wetterlage geht Günter bestimmt nicht zum Sportklettern…Ziemlich aufgewühlt überdachte ich die neue Situation, und kam zu dem Entschluss „jetzt oder nie“.
Überzeugt, wir beide werden diese Wand souverän meistern, signalisierte ich meine Bereitschaft mitzukommen. Ein derart stabiles Spätsommerhoch sollte man nicht ungenutzt lassen und mit einer alpinen Heldentat füllen…
So fuhren wir also am Abend des siebten Septembers ins besagte Grindelwald, gönnten uns einen kleinen Schlummertrunk und hofften, dass wir in den nächsten Tagen unser Können unter Beweis stellen dürften.

Und so nahm dann alles seinen wohl geplanten Lauf. Wir nahmen die erste Arbeiter- und Angestelltenbahn auf die Kleine Scheidegg und wanderten gemütlich (O.-Ton Günter:“ So g`mütlich kommsch sonst zu keiner Nordwand“) über den Eiger Trail unter die Nordwand. Den Vorbau, ein brüchiger 400 hm Aufschwung im dritten Grad, erkletterten wir seilfrei in einer guten Zeit von 1,25 Stunden. Doch danach beim Stollenloch begannen allmählich die Schwierigkeiten: Schwieriger Riss, Hinterstoisserquergang – Namen, die jeden Alpinisten, der sich mit der Eigernordwand auseinandergesetzt hat, ins Schwitzen bringen würden, waren für uns nun zur Realität geworden. Es ist schon ein gänzlich anderes, ein bisschen ein erhabenes Gefühl, an diesen Stellen vorbei zu klettern, die in jedem Bericht über die Eigernordwand zu lesen sind.

Dank trockener Verhältnisse und morgendlichen Tatendrangs (die Fixseilreste trugen auch dazu bei) kamen wir relativ schnell bis zum Schwalbennest, einer kleinen oft benutzten Biwakhöhle. Doch unser Tagesziel war noch etwas entfernt, denn wir wollten den Zeitplan des Filmteams um Stephan Siegrist einhalten und noch an diesem Tag das Todesbiwak erreichen. Doch unsere anfängliche Euphorie schrumpfte langsam etwas dahin, denn die Verhältnisse änderten sich nun entsprechend in Richtung denen einer Nordwand; d.h. es wurde kombiniert, heikler und schlechter gesichert. Aufgrund des Jahrhundertsommers 2003 war der Bereich um den Eisschlauch ziemlich ausgeapert und deshalb auf teilweise abwärts geschichteten, vereisten Platten zu überwinden. Doch auch diese Passagen wurden souverän von uns gemeistert, wobei einige Flüche nicht ausblieben, und wir etwas müde und sehr zufrieden um 18.00 Uhr unser erstes Etappenziel das Todesbiwak am Bügeleisen erreichten.

Seinen Namen erhielt diese steinschlagsichere Einbuchtung auf 3300 Metern vom frühen Versuch Max Sedlmayers und Karl Mehringers die Wand am 23. August 1936 zu begehen. Bei der damals noch etwas unsicheren Wettervorhersage waren die innerhalb von Stunden eintretenden Wetterumschwünge oft tödlich. Ohne die Möglichkeit per „Long-Line“ aus der Wand geflogen zu werden, war man auf Gedeih und Verderb dem sicheren Tod ausgeliefert.
Da wir beide diese Geschichte kannten, jagte es uns Schauer beim „Betreten“ durch den Körper.

Nun hieß es Schnee schmelzen, trinken und essen, wobei im Stile der Erstbegeher eine Zigarette in der nun sonnenbeschienenen Wand nicht fehlen durfte.
Anders als bei vielen Schauergeschichten über diesen geschichtsträchtigen Ort, war es bei uns nahezu windstill und fast warm. Bei geschlossenen Augen hätte man sich fast an einen Spätsommertag am Gardasee erinnert gefühlt…


Doch wer nun meint Nordwandmänner können nach einer Biwakmahlzeit an diesem Ort cool einschlafen sei beruhigt: Wir beide haben beim Anblick der Rampe vor lauter Aufregung kein Auge zugetan. Ein bekannter Autor der Alpinliteratur meinte eimal,“ein echter Mann müsse jeweils eine Nacht im Todesbiwak der Eiger-Nordwand und im Rizz-Hotel in Paris verbracht haben. Billiger ist es hier am Eiger…

Schon um 5.00 Uhr des nächsten Morgens hieß es aufstehen, und die Querung zur Rampe im Dunkeln zu klettern, um Zeitreserven zu lockern. Das Gelände in der Rampe wurde nun immer steiler und anspruchsvoller, was im sogenannten Wasserfallkamin gipfelte; einer brüchigen 90°C-Eissäule, die in der WI -Bewertung schon eine glatte 5 bekommen dürfte. Keiner von uns beiden hatte sich diese Stellen, obwohl wir schon viel Material studierten, so extrem schwer vorgestellt.
Danach kamen wir an die Stelle, die den klangvollen Namen Götterquergang trägt, der auch nicht zu Unrecht vergeben wurde – eine kühne Meisterleistung der Linienführung.
Vielleicht wurde dieser Name auch vergeben, da man sich hier den Göttern näher fühlt als der Erde.
Der nun folgenden Spinne wird eine immense Steinschlaggefahr nachgesagt. Viele Seilschaften berichteten über Kühlschrankgroßen Steinschlag, wobei sich hier meiner Meinung nach Fantasie und Realität vermischen.In unserem Fall bestand sie aus weißem Trittfirn und beschwerte uns 4 stressfreie aber „pumpige“ Seillängen.
Vielleicht auch an dieser Stelle ein paar Worte zur historischen Namensgebung. Heinrich Harrer vergab den heute gebräuchlichen Namen „Spinne“, weil es in der Draufsicht scheint, als wären die Couloirs, die aus der Spinne führen Insektenbeine.
Nach der Spinne geht es in die Ausstiegsrisse, die Gott sei Dank ideal vereist waren, so dass wir ohne größere Zwischenfälle das blanke Gipfeleisfeld erreichten.
Zu den Dimensionen sei nur noch erwähnt, dass die Austiegsrisse aus ca. 15 Seillängen bestehen, was eigentlich schon eine lange eigenständige Tour darstellt. Obwohl ich im Gipfeleisfeld dachte, mir würden die Waden explodieren, erreichten wir um ca. 17.30 Uhr den Gipfel des Eigers über seine Nordwand. In der Hoffnung uns bliebe ein weiteres Biwak erspart, machten wir uns sofort an den Abstieg, wobei schnell klar wurde, dass ein zweites Mal zu biwakieren ist. Dieses Biwakband war jedoch extrem abschüssig und eng, und der aufkommende Wind machte uns diese Nacht in dieser Höhe (ca. 3800 m) zur Hölle. Bei Tagesanbruch wurden unsere Strapazen aber durch einen Sonnenaufgang über Mönch und Jungfrau tausendfach entlohnt. So hatte auch diese Nacht ein Ende und wir konnten am 10.09.2004 gesund und munter (nicht wirklich) die Kleine Scheidegg erreichen, von wo uns die Bahn nach Grindelwald brachte.

Dort zögerten wir auch nicht, trotz der hohen Preise, unsere zusammengezogenen Mägen mit Hilfe von deftigen Gerichten zu dehnen, und unseren Wasserhaushalt mit schmackhaften Getränken in ein Gleichgewicht zu versetzen.
Nach etlichen Stunden des Labens genossen wir eine unbeschwerte Autofahrt zurück nach Bayern, um unseren Erfolg kundzutun.   

Bericht Martin Schmid